Eine gute AnwÀltin, einen guten Anwalt finden

Wie finde ich eine gute AnwÀltin, einen guten Anwalt?

4 Minuten Lesedauer
Der Rechtsmarkt ist unĂŒbersichtlich, Vergleichsmöglichkeiten gibt es kaum. Wer nicht auf persönliche Empfehlungen zurĂŒckgreifen kann, verliert schnell den Überblick. Worauf kommt es also an, wenn Sie eine AnwĂ€ltin, einen Anwalt suchen? Dr. iur. Philipp H. Haberbeck erlĂ€utert in diesem Gastbeitrag, welche Punkte Sie unbedingt berĂŒcksichtigen sollten.

InhaltsĂŒbersicht

Die meisten AnwĂ€ltinnen und AnwĂ€lte dĂŒrften in ihrer Karriere gelegentlich selbst erfahren haben, wie schwierig es sein kann, eine gute AnwĂ€ltin oder einen guten Anwalt zu finden. Beispielsweise, wenn sie eine Kollegin im Ausland oder ausserhalb ihres eigenen Spezialgebietes gesucht haben. AnwĂ€ltinnen und AnwĂ€lte können also nachvollziehen, wie schwierig es fĂŒr Laien in der Regel ist, einen passenden Rechtsberater zu finden. Was kann man Laien in diesem Zusammenhang empfehlen, um erfolgreich den fĂŒr sie geeignetsten Anwalt zu finden?

Spezialisierung beachten

Es dĂŒrfte eine Binsenweisheit sein, dass heute keine AnwĂ€ltin oder kein Anwalt mehr in der Lage ist, in jedem Bereich bewandert und damit fĂŒr jeden denkbaren Fall geeignet zu sein. DafĂŒr war die horizontale (immer mehr Lebensbereiche wurden und werden „verrechtlicht“) und vertikale (die Normendichte nahm und nimmt immer weiter zu) GesetzgebungstĂ€tigkeit in den letzten Jahrzehnten zu expansiv. Das hat zu einem entsprechend starken Wachstum der TĂ€tigkeit in der Justiz und Verwaltung gefĂŒhrt. Aufgrund dieser Entwicklung ist es heute fĂŒr Juristinnen und Juristen bereits anspruchsvoll, in zwei oder drei Spezialgebieten auf der Höhe der Rechtsetzung und Rechtsanwendung zu sein. Vor RechtsanwĂ€lten, die mit einer Spezialisierung in fĂŒnf, zehn oder sogar mehr Rechtsgebieten werben, sei also ausdrĂŒcklich gewarnt!

Aus Sicht der Rechtsuchenden ist es vor obigem Hintergrund in jedem Fall entscheidend, dass sie AnwĂ€ltinnen und AnwĂ€lte wĂ€hlen, die im relevanten Bereich – Steuern, Scheidungen, Strafuntersuchungen etc. – effektiv spezialisiert sind. Oder wie es Werner Grundlehner in einem NZZ-Artikel vom 8. Februar 2021 (S. 24) formuliert: „Bei AnwĂ€lten verhĂ€lt es sich letztlich wie bei Ärzten – nicht jeder ist fĂŒr alle Krankheiten und Eingriffe ein Spezialist. Gute Ergebnisse bringt der Spezialist nur in seinem Fachgebiet.“

Vorsicht bei Empfehlungen

In den meisten FĂ€llen dĂŒrften sich Laien bei der Suche nach einer AnwĂ€ltin oder einem Anwalt an persönliche Bekanntschaften halten oder an Empfehlungen aus ihrem Umfeld orientieren. Entsprechende Empfehlungen können eine gute (erste) Informationsquelle sein. Sich aber einzig auf entsprechende, im Grunde genommen zufĂ€llige Bekanntschaften oder Hinweise zu verlassen, ist jedoch riskant und nicht immer zielfĂŒhrend. Statt einzig auf eine Bekanntschaft oder Empfehlung zu setzen, klassischer Weise ist dies ein Golf- oder Tennisfreund oder eine sonstige Bekanntschaft aus dem persönlichen Umfeld, sollte sich der Rechtsuchende in jedem Fall ĂŒber den betreffenden Anwalt ein genaueres Bild verschaffen. Dank des Internets, der sozialen Medien und diverser Datenbanken ist es heute möglich, aufschlussreiche Informationen ĂŒber Rechtsberater in Erfahrung zu bringen.

Letztlich geht es bei der Anwaltssuche darum, im Ergebnis eine möglichst kompetente AnwĂ€ltin oder einen möglichst kompetenten Anwalt zu finden. Aufgrund des einschlĂ€gigen Anforderungsprofils – es geht, vereinfacht ausgedrĂŒckt, bei AnwĂ€lten um Gehirn-, nicht um Muskelkraft – sollte der Rechtsuchende bei seinen oben erwĂ€hnten Recherchen ĂŒber die Kompetenz der AnwĂ€ltin oder des Anwalts diverse einschlĂ€gige Aspekte anschauen, u.a. folgende: Wie hat eine AnwĂ€ltin ihr Studium abgeschlossen – mit oder ohne PrĂ€dikat? Über welche Zusatzqualifikationen verfĂŒgt der Anwalt – ĂŒber ein Zusatzstudium im Ausland, ein Doktorat und/oder einen Fachanwalts-Titel? Wie lange ist die AnwĂ€ltin bereits in der Praxis tĂ€tig? Bei welchen Arbeitgebern war beziehungsweise ist der Anwalt tĂ€tig, wenn er nicht als SelbstĂ€ndiger arbeitet? Hat die AnwĂ€ltin in Fachzeitschriften publiziert – und wenn ja, zum relevanten Thema?

Rechtsbereich definieren

VerfĂŒgt ein Rechtsuchender nicht ĂŒber eine relevante Bekanntschaft oder Empfehlung, sollte er sich in einem ersten Schritt darĂŒber klarwerden, in welchem Rechtsbereich sein Beratungsbedarf angesiedelt ist. Geht es um eine baurechtliche Angelegenheit oder um ein Problem mit Steuerbehörden, oder besteht Handlungsbedarf im Zusammenhang mit einem Strafverfahren? In der Regel dĂŒrfte es auch Laien gelingen, den relevanten Rechtsbereich zumindest grob zu ermitteln, gegebenenfalls mit Hilfe des Internets. In einem zweiten Schritt gibt es mittlerweile auch fĂŒr den Schweizer Anwaltsmarkt verschiedene Datenbanken. Zu nennen sind hier etwa die Datenbanken des Schweizer Anwaltsverbandes oder von Jurata, in denen – abhĂ€ngig von Kriterien wie GeschĂ€ftssitz und Spezialisierung – nach AnwĂ€lten gesucht werden kann. Nach hier vertretener Ansicht ist die Datenbank von Jurata besonders geeignet, weil sich in dieser Datenbank AnwĂ€ltinnen und AnwĂ€lte nicht nur nach Spezialgebieten suchen lassen, sondern weil die Suchergebnisse nach verschiedenen Kriterien verfeinert werden können, etwa nach der Dauer und dem Ort der TĂ€tigkeit.

VerfĂŒgbarkeit prĂŒfen

FĂŒr Laien von Interesse dĂŒrfte auch die Frage sein, ob die Grösse einer Anwaltskanzlei eine entscheidende Rolle spielt. Diese Frage ist mit einer typischen Juristenantwort zu beantworten: Es kommt darauf an. Je nachdem, wie die UmstĂ€nde des rechtlichen Problems liegen, ergibt die Wahl einer grösseren Kanzlei Sinn. Etwa bei grossen Transaktionen, die unter Zeitdruck abgewickelt werden mĂŒssen. Oder komplexen Untersuchungen in Grossunternehmen. Solche Angelegenheiten können meist nur von grösseren Anwaltsteams bewĂ€ltigt werden. Über derart grosse KapazitĂ€ten zu verfĂŒgen und sie sofort bereitstellen zu können, ist fĂŒr kleinere Kanzleien kaum möglich.

Ausserhalb von solchen kapazitĂ€tsbedingten SachzwĂ€ngen, hat die Grösse einer Anwaltskanzlei aber keine entscheidende Bedeutung. Im Vordergrund stehen dann vor allem die persönlichen FĂ€higkeiten der MandatstrĂ€gerin und weitere relevante Aspekte, nicht zuletzt auch die VerfĂŒgbarkeit der AnwĂ€ltin und die Höhe des Honorars. Gerade der Aspekt der VerfĂŒgbarkeit sollte nicht unterschĂ€tzt werden. Einem Rechtsuchenden ist nicht gedient, wenn der spezialisierte und kompetente Rechtsberater dermassen ĂŒberlastet ist, dass er sich dem Fall des Rechtsuchenden, aus welchen GrĂŒnden auch immer, nicht mit der gebotenen Zeit und Aufmerksamkeit widmen kann. Nicht nur ist es fĂŒr den Klienten frustrierend, wenn er ĂŒbermĂ€ssig lange auf Antworten oder Arbeitsprodukte seines Anwalts warten muss. Offensichtlich problematisch ist darĂŒber hinaus, dass unter Zeitmangel auch unweigerlich die QualitĂ€t der Dienstleistung leidet. Der Rechtsuchende sollte also bei seinen AbklĂ€rungen auch sicherstellen, dass die Kandidatin oder der Kandidat nicht „overbooked“ ist, sondern ĂŒber ausreichend freie KapazitĂ€t fĂŒr das fragliche Mandat verfĂŒgt.   

Ein Treffen kann helfen

Sicherlich ist jedem Rechtsuchenden zu empfehlen, einen Anwalt vor der Mandatierung persönlich kennenzulernen – im Sinne eines „smell tests“. Personen, die ein Mandat zu vergeben haben, sollten sich nicht scheuen, die allfĂ€llige Mandatierung einer AnwĂ€ltin auch von einem solchen persönlichen Treffen abhĂ€ngig zu machen. Ein solches Treffen ist nicht ungewöhnlich, sondern wird im Gegenteil immer hĂ€ufiger erwartet. Lehnt eine AnwĂ€ltin oder ein Anwalt ein solches Vorgehen ab oder verlangt bereits fĂŒr ein persönliches Kennenlernen eine EntschĂ€digung, sagt dies nach hier vertretener Ansicht bereits einiges ĂŒber die Person aus.

Findet ein Treffen statt, vermitteln die Lage und Gestaltung des BĂŒros oder das Auftreten des Anwalts dem Rechtsuchenden in ErgĂ€nzung zu seinen Recherchen weitere wertvolle Informationen, die in einem BauchgefĂŒhl resultieren sollten. Ist dieses schlecht, so ist dem Rechtsuchenden zu empfehlen, die Suche nach der richtigen AnwĂ€ltin beziehungsweise dem richtigen Anwalt fortzusetzen. Gerade in grösseren StĂ€dten gibt es bekanntlich fĂŒr praktisch jedes Spezialgebiet zahlreiche Anbieter, so dass die Suche nach dem richtigen Anwalt – also dem fĂŒr die fragliche Aufgabe bestqualifizierten Anbieter – ĂŒber kurz oder lang von Erfolg gekrönt sein sollte.

Dieser Beitrag basiert auf dem Gastkommentar von Dr. Haberbeck zum Thema der Anwaltssuche, veröffentlicht in der NZZ vom 14. April 2020.

  • Dr. iur. Philipp H. Haberbeck, Rechtsanwalt

    Dr. iur. Philipp H. Haberbeck ist Rechtsanwalt in ZĂŒrich, spezialisiert auf die Beratung und Vertretung von Parteien in kommerziellen Rechtsstreitigkeiten.

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